der feste Karpas (2016/18)

deutsches Original

 

es werde mich bei der hand nehmen, mit der krafteinwirkung von aussen, wie so schläge, armengleich, ein trommler, nur getakteter, und die volle wucht landet auf der brust, wumm wie es sich herrichten wird und es werde sich dabei selbst zerstört haben, es hatte mir geträumt.


die maschine und überhaupt die baumwollfaser oder der karpas ist schon da, immer schon bereitgestellt, vollgesogen und imprägniert verdichtet hergerichtet und enggeführt zum faden. in der fläche erst verwoben werde es sich zur wüste ausbreiten, wo viele falten aufeinander in der vertikalen, in dieser weiten ebene des toten lands sich zur retortenstadt mit baumwollfeld zusammenraffen. es werde zu festen festungen von festen überzeugungen gebündelt aus menschenkräften zusammengepackt. es werde porös, der witterung ausgesetzt, werde es.


es werde mich an ort und stelle fest vibrieren und dadurch den boden mit erschüttern. mit mir in einer linie, die als karawane durch die landschaft zieht, werde es fäden ziehen, die sich anderswo und immer anderswo neu verknoten werden. von knoten zu knoten werden sich fadenähnlich linien bilden, die fadenschatten von karpasfäden werfen, die von globalen militärischen operationen durchoperiert werden. dick werden die fadenknoten, gewichtig und fest werde der karpasknoten, der milch und fleisch in das loch stopfen werde, hier wo mich der baumwollboden fest vibriert haben werde. massenhaft werde der feste karpas hungrige münder wieder zustopfen und neu aufbereiten, wo die auf land und in der luft bereitgestellt wordenen maschinen warten werden und da sein werden. an der stelle wo der exakte augenblick des todes aufgewartet werde, der für die weiterverarbeitung so entscheidend sein werde. millionen von arbeiterhänden werden gegen seine verderblichkeit anarbeiten müssen. und von knochenhänden in die wartenden maschinen werde es gepackt, die dann den karpas weg transportieren. es wird mich in die indifferenz der kommunikationsnetze werfen, die sich wie transparente spinnennetze zu einer eisig halluzinierenden glatten ebene herunterkühlen, die zum eisschrank hinsteuern werde: bakteriell desinfiziert und spiegelglanzgeputzt. mit plastifizierten gummihandschuhen könne mir man so was heranpräperieren.


der feste karpas werde mich am oberarm zu sich herwinken, ich werd zu ihm hin gehn wollen und mich neben die polsteruntersetzen backen hin setzen wollen und er werde meinen arm über randgespannte mondgesichter gleiten lassen und hineintasten werde der karpas mich lassen wollen. im anschluss werde er wieder zugemacht und zu einem ganzen, idealen stück zugenäht werden können. das idealstück werde weitere teilstücke aufspüren, die da schon längst an mir, schon längst in der zeit liegen. in diese festgezurrten karpasteilstücke, die der backe aufgenäht und zugenäht eine glatte fläche ergeben, werden die gerätschaften abermals eindringen. im stück drin werde sich die fläche aufrichten können, vertikal im stück zum teilstück hin. sauber vermöge so die vertikale von sich selbst abgetrennt werden. wie nichts werde das gehen. und mit der fläche werde sich auch der blick wegtrennen lassen. der blick, der in den vorhang hinein implementiert werde und der sich in ihr glatt gezogen, nur schwer zur seite schieben lassen werde.


dahinter, hinter dem vorhang werden sich all die schwimmenden partikel mit ihren körpern säubern, dunstkörper, die zu einem netz mit ganz vielen poren aufgedünstet werden. wir werden ganz nahe dran und fast schon drin sein und grelle punkte, die sich an der oberfläche absetzen, werden daran festhalten, werden nie mehr weggehen. sie werden die oberfläche bevölkern und werden mich und alles und den karpas in der fläche neonfarben leuchtend machen und zu einem plastifiziertes plasma aufplastizieren. so eine hülle, wie eine zweite körperschicht werde sich heranbilden, die mit lack übergossen uns alle in der zeit festzurren werde. der lacküberguss könne eine neue körperlandschaft heranzüchten womit der karpas endgültig zulackiert und weglackiert werde. und die neue zucht werde viel fester und viel begehrter sein.


ein riss in der lacklandschaft werde das zugezüchtete karpasgewebe aufsprengen. und ein dung durchdränkter boden werde sich von lösungsmitteln wegbereitet in mich hineingiessen und das lösungsmittel werde sich in form von fieberblasen durchfressen und finger werden es in den boden einsenken und mit den fingern werde es in das gewebe eingeknetet werden können, das so in der zeit dort liegen bleibe. ab und zu werden ihm die finger geleckt und das lösungsmittel weg- und fortgewischt. ab und zu werde die zeit aufgelockert und das gewebe auseinandergetrennt. dadurch werde sich krankheit einsenken können, die sich, gemengt mit fiebrigen fadenwürmern, rasch vervielfachen könne und der baumwoll- oder karpasfaden werde sich wurmartig, solange bis sich das geschwulst nicht mehr weiter zum wurm hin selbstauffressen könne, an ihr fortsetzen. schliesslich werde es an seinem fressende im fieber wegsterben. leise und vom blick weggetrennt.


damit werde ein loch in die zeit gerissen, das sich hoffnungslos zu allen wollbäumen hin ausleeren werde. mächtig werde die leere die aussicht auf ertrag und das gesamte anfängliche lösungsmittelversprechen in einer nacht wegdesinfizieren. ausserdem werde es auch alles, das in der auf mir lastenden zeit existiert, wegdesinfizieren: die zeit sei so endgültig aus- und weggeleert.

 

in hellem licht werden kinderzungen an einer weissen holzigen scheibe, ähnlich einem spielzeug, lecken. in den glanzlos hölzernen lack der scheibe werde eine nadel hineinstechen, die nadel werde stechen bis ein holzloch daraus entstehen werde und eine schnur werde durch die scheibe geführt, woran sich weitere scheiben reihen werden. zusammen werden sie sich, gleich einem fliessband, zu einer kette aufreihen auftakten, und das rattern der maschine werde unüberhörbar sein. vom fliessband werden die verstorbenen wurmfäden ausschwärmen, die aus den bereits bereitgestellten maschinen weitere maschinen produzieren. maschinen werden sich einfach so verkuppeln und verschalten können. und entsprechend viel luft werde da reingeamtet werden müssen, die durch watte nach und nach abgestickt werde. damit sei unsere vergangenheit endgültig im jetzt gepolstert.


im karpaswatte aufgessättigten, randvoll angewattetten raum werde mich die überfülle an den rand drücken. der raum werde sich ganz im präsens aufwatten, von der stoffbordüre begrenzt. Lügen werden über meine Lippen und meinen körper fliessen.


streifen, die sich zu streifen, so wie auf pyjamahosen, bündeln, werden sich zuerst mit mir, körperrhythmisch auf- und ab- bewegen und anschliessend in den takt des raums übergehend die karpaswatte durchweben. im gleichen abstand zueinander werden sie symmetrisch angelegte streifenbrücken überqueren die in regelmässig angeordnete lininensträhle enden bis ein saum sie wenden werde.


mit der zeit werde das eine streifenweite überschwemmung auslösen, die den landstreifen auf seinem gesamtstück durchtränken werde, auf dem auch ich sein werde. von der gemeinsamen zukunft werde nur lauge zurückgeblieben sein. lauge, die sich verhärtet haben werde und die sich nur überaus aufwändig wegscheuern lassen werde. unterhalb der festgekrusteten lauge, an der stelle wo sich alle schweisstropfen versammelt haben werden, könne das quietschen als echo in der ewigkeit vernehmbar sein, wenn bei einer scheuerpause in den porzellanigen badewannenrand hineingelauscht werde.


die scheuerführung des hitzekörpers werde über das ovalrund des badewannenrands in einen strudel übergleiten: vom ovalraum in einen rundraum, diese ineinanderübergleitung werde es geben und der strudel werde die scheuerführung in den marmor absenken und der viereckraum werde in gestückten textilfetzen, die sich auffasern oben an der wanne aufschwimmen und durch den strudel werde die geschwindigkeit in ein rohr hineinleuchten, wo sie sich überholen werde, bis sie sich im moment der überholung selbst anhalten und in glasfasermoleküle ausgefasert und mikroskopiert haben, die unter der laborleuchte in ihrer molekularstruktur am rundraum vorbeiziehen werden. in einem glas- und nachtall werde die vereisung zunehmen und die fasern werden in einen verhärteten glasfluss eingehen und das todnegierende versprechen werde sich vereisend um die lebensprozesse legen, werde sie mit einer kristallbildung unterbrechen und schliesslich abtöten wollen, und im letzten moment vor der abtötung werde mich eine samtene gefrierschutzmittelflut in schweren stoff einlullen und mir das bewusstsein schockgefrieren. dieser zustand wird ewig sein, nur von einer transparenten hülle werde ich umgeben sein, abgetrennt und abgenäht, vakuumverpackt. meine zellhaufen und fleischklumpen und eierbanken werden verstreut herumliegen, und nur ein schock wird mich aus dem zustand herausholen werden können, derselbe der mich schon hatte sterben lassen.


© Dieser Text von Stefanie Knobel geht einer kollektiven Imaginationspraxis mit Angela Wittwer hervor. Sommer 2016, Lahijan, Iran.