La molecule (in the screen)

Originaltext

Das Glitzern des Bildschirms bereitet dir eine Art Dämmerzustand. Der Schlaf spaltet dich in Form von Selektionen. Ben ist über dem Bild ihrer Tante in DakTo eingeschlafen. Du hast noch immer keine Gewissheit über ihr Verschwinden. Du zeigst das Bild den Dorfbewohnern. Im Inneren ihrer Gärten verbrennen sie hellblaue Plastikblumen auf offenem Feuer über blechernen Müllbüchsen. Man hört es knistern. Auf diesem Bild hast du deine Tante wiedererkannt. Der Sand aus unseren Gärten wird zur Produktion von LCD Bildschirmen exportiert. Wir haben Farben, die wir für Sie in Sprengstoffe verwandeln können, um uns im langen Winter zu wärmen, wenn das Rot entschwunden ist. Die Dorfbewohner ziehen die Vorhänge gegen den blauen Vollmondhimmel zu. Musik setzt ein und der Tanz beginnt.

Die Dorfbewohner begeben sich in Gefahr die Balance zu verlieren, als sie eine rote Blume von einem abgelegen Ast der Böschung pflücken wollen.

Deine Bewegungen stimmen vollkommen mit den ihren überein. Die Arme werden durch den gleichen Rhythmus getrieben.

Dein Bild ist von Natur aus arrogant.

Du gehst fünf Schritte bis du deiner eigenen Silhouette im Spiegel begegnest. Du bleibst nicht ganz stehen, dann kippst du in das Bild hinein. Es sind die Bewegungen eines utopischen Schlafs. In der Landschaft die du vorspielst bist du ein Molekül. Im Inneren des Bildschirms geht es darum, den intelligenten Einsatz der Kraft an zwei konträren Bezugspunkten zu orientieren. Gleich einem Flüssigkristall reagierst du auf Temperatur- und Druckunterschiede, die dich sichtbar machen. Durch die Tarnung wirst du deiner äusseren Landschaft ähnlich. Auf der Bildschirmoberfläche nimmst du Farben, Herkunft, Formen und Geschlechter an.

Es ist eine dünne Schicht aus Flüssigkristallmaterial zwischen zwei Trägerplatten, die mit Elektroden zum Anlegen einer Steuerspannung versehen sind.

Um das Gleichgewicht zu halten führt deine rechte Hand wie der Fühler einer Biene durch die Öffnung der Böschung hindurch.

Wieso schaust du sie die ganze Zeit an?

In einer Art radikalen Panik sie zu vergessen kämpft das Gleichgewicht der Unschlüssigkeit dieser Haltung und der Tendenz des Bildes sich zu festigen, sich zu verhärten.

Kannst du das Bein noch höher nehmen?

Zuerst wärst du an ihr vorbeigegangen.

Im hellwachen Zustand durchträumt sie eine flüchtige, schäbige, schlaffe, indifferente Serie von Bildern.

Vor dem Spiegel rückt sie ihrem eigenen Bild auf. Ohne Halt an der verborgenen Achse der Aussenwelt, den Zeichen, die auf das Innere der Köpfe verweisen, auf die nervösen Spannungen, die moralischen Halluzinationen.
Wenn man Aufmerksam hinstarrt, dann zerfliesst was vergebens ist und verbindet sich erneut mit Körpern und Geschichten.

Das Glitzern des Bildschirms bereitet dir eine Art Dämmerzustand. Der Schlaf spaltet dich in Form von Selektionen. Seine Elemente, seine Wellen sind Gegenstand einer anderen Inszenierung.

Das Gewicht des kleinsten Teilchens verteilt sich in Millimeterabständen. 

Wenn man aufmerksam hinstarrt, dann zerfliesst was vergebens ist und verbindet sich erneut mit Körpern und Geschichten.


Weiter unten wird der abgebrannte Wald zunehmend verbuschter. Ein übertrieben moderner Übermensch hatte darin gewütet. Dein Bild ist von Natur aus arrogant.
Je länger dein Schweigen, desto souveräner wirst du darin, dich den vorgelegten Bewegungen anzupassen.

Um das Gleichgewicht zu halten, führt deine linke Hand durch die Öffnung der Böschung hindurch.

Kannst du dein Bein noch höher heben?

Der Muskeltonus lässt nach.

Was tust du nun? Ist der blaue Ball bereits ins Bild gerollt?

Du schaust ihr zu, als du im Kaffeehaus sitzt. Der Kaffee wird von jungen Syrerinnen serviert.

Deine Bewegungen stimmen vollkommen mit den ihren überein. Deine Bewegungen werden durch den gleichen Rhythmus getrieben.

Vor dem Spiegel rückst du deinem eigenen Bild auf.

Zuerst wärst du an ihr vorbeigegangen.
Dein Kaffee wurde noch immer nicht serviert. Du phantasiert: Wieso ausgerechnet mich warten lassen?

Am weitesten fortgeschritten war im Jahr 1967 die Entwicklung einer Zelle, die auf einem Stromfluss beruhte, durch welchem im sonst klaren Flüssigkristallmaterial Turbulenzen erzeugt werden konnten, die das Licht streuen.

Im selben Jahr, Schlacht bei Dakto.
Das Bild zeigt das Resultat neuster technologischer Errungenschaften. Es ist eines von denen, das um die ganze Welt geschickt wurde. Zufällig, im Schatten der Luftwaffen, traf sie der Blitz der Kamera. Das Bild ist schön und fremdartig wie immer. Erinnerung und Vergessen bestehen darin gleichermassen - sind gleichermassen arrogant.
Auf diesem Bild hat Ben ihre Tante wiedererkannt. Die Landschaft in der sie sich befindet kannst du nicht sehen, ein übertrieben moderner Übermensch hatte darin gewütet. Seine Kaffeeplantagen, die er sich hat anlegen lassen, haben sich unter dem Gift des Gases aufgelöst. Die darüber wachsenden Erdbeeren scheint das nichts anzugehen.


Rot ist eine Farbe, die man nur besitzen kann.


©Stefanie Knobel